Formel 1 gegen Golf GTI

Die Schweizer Meisterschaft 2006 ist wahrscheinlich mein bis jetztiger Höhepunkt in meiner Gleitschirmkarriere. Ich hab soviel gelernt wie noch nie. Dies soll ein kleiner Bericht sein dazu. Lest am besten einfach weiter…
Offizielle SM Website: http://www.cs2006.ch
Bilder von Martin Scheel: http://www.azoom.ch/smtessin/
Somit steht fest: Ich bin 57. geworden… kein schlechtes Ergebnis für die erste Teilnahme und vor allem mit einem 1-2er. Ich bin bereit für das OGO, Ostschw. Meisterschaften und die Club SM… mehr liegt nicht drin, denn mein Diplom muss bis zum 29. Juni fertiggestellt sein.

Zusammen mit Anja bin ich am letzten Dienstag (25.4.06) Richtung Tessin gefahren, genauer gesagt nach Sessa. Dort fanden vom 26.4. – 1.5.06 die Einzel Gleitschirm Schweizermeisterschaften statt. Es war meine erste Schweizermeisterschaft und erst meine zweite Wettkampfteilnahme. Ich war definitiv nervös, denn wo man sich nur umgeschaut hat nur grosse Namen: Christian Maurer, Steve Cox, Kari Eisenhut die beiden Valic Brüder uvm. Ich war sowieso begeistert, nicht nur weil ich neue Leute kennenlernen konnte, sondern auch davon überwältigt, wie gut der Club Vol Libere Ticino den Anlass organisiert hatte. Viele sagten mir aber, dass ich mich nicht daran gewöhnen darf, denn es sei eine Ausnahme.
Jeden Abend gab es auf irgendeine Art Unterhaltung. Das Frühstück und an zwei Tagen Abendessen waren für die Piloten gratis. Es gab mehrere Aperos und manchmal auch gratis ein feines Eis zum Dessert. Aber eben, eigentlich gehts ja ums fliegen und nicht ums Essen und Trinken.
Auf der Fahrt ins Tessin hat mir Anja wohl einen der wichtigsten Tipps auf den Weg gegeben, der für die ganze Woche wichtig war: Der Wettkampf beginnt schon am Startplatz oder früher, und so war es dann auch. Obwohl die Startwiese am Monte Lema sehr gross ist, war es nicht möglich, dass jeder der 120 Piloten seinen Schirm auch dort auslegen konnte wo er wollte. Was mich aber besonders erstaunt hat ist der Respekt vor einander. Ich konnte nie beobachten das sich zwei Piloten an die Gurgel wollten, weil Pilot A vor Pilot B ausgelegt hat, alles war sehr gesittet und geordnet. Leider lief trotz der sehr guten Organisation doch nicht alles perfekt: Das Wetter spielte im Tessin nicht richtig mit und wir konnten nur 3 Läufe durchführen. Die 3 Läufe hatten es aber in sich: 35km, 73km und 40km – Wo noch beim ersten Lauf, die meisten Piloten ins Ziel gekommen sind, gab es bei den letzten zwei Läufen eine klare Selektion: es teilte sich die Spreu vom Weizen. Nicht immer liegen die Fehler beim Piloten, oftmals hat man ganz einfach Pech… Dies mussten auch einige Spitzenpiloten feststellen, als sie während des 2. Tasks von einem Lee erfasst und erbarmungslos zu Boden gedrückt wurden. Das Lee existierte nach lokalen Pilotenaussagen eigentlich nie… Der 3. Task war dann eine Gedulds und Mutprüfung zugleich: Die Basis war extrem tief (1900m) und oft sind wir nur unter der Startplatzhöhe geflogen. Fehler wurden sofort bestraft mit einer Landung im Tal, ausser man hatte Glück und fand am Hang einen Schlauch.
Was für mich bei diesem Wettkampf für mich von grosser Bedeutung war, war die Tatsache, dass ich nur mit einem 1-2er (Swing Mistral 4) unterwegs war, wo die anderen Piloten eigentlich nur Wettkampfgeräte flogen. In der Thermik merkte man den Unterschied eigentlich nicht so stark, aber wenn es um grosse Talquerungen ging, merkte man den Unterschied deutlich… man ist einfach langsamer und kann nur sehr schwer mithalten. Das ist wie David gegen Goliath oder ein Golf GTI gegen ein Formel 1 Wagen. Leider gab es einige Piloten, welche mich negativ auf diese Tatsache hingewiesen haben. Blöde Sprüche habe ich mir viel anhören müssen, dass ich mit meiner lahmen Kiste nicht weit kommen werde. Oftmals waren es aber die Piloten die es nicht ins Ziel geschafft haben oder nicht auf die vorderen Plätze geflogen sind, welche ihren Zorn verbal auslassen mussten. Solche Piloten muss man einfach ignorieren oder mindestens auf die Tatsache aufmerksam machen, dass sie mit ihren Super-Wettkampf-Schirmen ja hinter den „lahmen Kisten“ sind und ob sie nicht auch besser mit einem „Chrüpel“ fliegen wollen. Im Allgemeinen kann man aber sagen, dass die meisten Piloten sehr freundlich sind. Ich habe viele neue Kontakte geknüpft mit denen ich in den letzten paar Tagen viel Spass hatte. Chrigel Maurer blüht richtig auf, wenn man mit ihm einmal nicht übers fliegen spricht.
Meinen besonderen Dank möchte ich auch an Anja, Michael Schläpfer und das Swing Mustang Team (wo ich ja inoffiziell auch dabei bin) ausdrücken, sie haben mir sehr viel Tipps gegeben und mir geholfen gewisse Situationen am Himmel besser verstehen zu können.
Ich persönlich habe meine Ziele erreicht. Zu Beginn der SM habe ich mir zwei Ziele gestellt: mindestens einmal ins Goal kommen und nicht letzter werden. Beides habe ich erreicht. Ich habe während dieser Woche viel gelernt und bin auch fliegerisch weitergekommen. Ich bin eigentlich sehr zufrieden mit meinen Leistungen, obwohl ich mich doch ein bisschen ärgere, dass ich da und dort einen Fehler gemacht habe, der mich dementsprechend nach weiter hinten in der Rangierung gebracht hat. Aber eben… man lernt bei jedem Flug etwas Neues.
Ein paar Lehren die ich aus dem Wettkampfalltag gezogen habe:
Regel Nr. 1: Der Wettkampf beginnt manchmal schon vor dem Start, zum Beispiel beim Transport
Regel Nr. 2: GPS Geräte vor dem schlafen gehen kontrollieren, so kann man böse Überraschungen vermeiden.
Regel Nr. 3: Sich eine Checkliste vor dem Start anlegen, welche zusätzliche Wettkampf-Kontrollpunkte beinhalten (zB. GPS eingeschaltet, Wettkampfroute korrekt, wie sind die Winde auf den verschiedenen Höhen?)
Regel Nr. 4: Viel Wasser trinken am Vorabend, dann kann man am Morgen pinkeln gehen und nicht während dem Flug (gilt auch für OLC)
Regel Nr. 5: Geduld, geduld… Wenn man Strafsoaren muss, die Nerven bewahren und weiterdrehen, man wird belohnt. Geduld braucht man aber auch, wenn alle Richtung Boje losfliegen und du aber trotzdem noch bis zur Basis aufdrehen musst.
Regel Nr. 6: Den eigenen Flug kontrollieren, auch wenn die inoffizielle Rangliste bereits hängt. GPS Geräte sind nicht immer so genau wie man vermutet. Chrigel Maurer hatte zum Beispiel einen Unterschied von 15 Sekunden auf zwei seiner GPS Geräte. Wenn man weiss wie schnell man geflogen ist, dann kann man auch auf Fehler der Rennleitung reagieren.
Regel Nr. 7: Elapsed Time Modus – Wird in einem Elapsed Time Modus geflogen, sollte man wissen, ob spezielle Regeln angewendet werden.

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